© epd-bild/Christine Süß-Demuth
Die Hafenregion der libanesischen Hauptstadt Beirut (am 10.5.2023) ist noch immer gezeichnet von der riesigen Explosion am 4. August 2020. Die Menschen leiden an Traumata, wobei Friederike Weltzien, Pfarrerin i.R. und Traumatherapeutin, zu helfen versucht.
Der Schock sei groß gewesen und auch heute überall spürbar, sagte die Theologin und Traumatherapeutin in Beirut dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Die Menschen sind immer noch sehr stark traumatisiert, verunsichert und ängstlich." Viele seien an der Grenze der Belastbarkeit, erklärt die Pfarrerin im Ruhestand, die von 1999 bis 2008 in der deutschsprachigen evangelischen Gemeinde in Beirut tätig war und bis Ende Juli Vakanzvertretung machte.
Schon zuvor habe sich der Libanon in einer massiven finanziellen und wirtschaftlichen Krise befunden. Die Explosion, bei der am 4. August 2020 mehr als 200 Menschen starben, sei ein weiterer Baustein im Niedergang des Landes gewesen.
Vor allem seien ältere Menschen betroffen, die keine Ruhestandsgehälter bekämen, nicht auf ihre Ersparnisse zugreifen könnten und deren Versicherungen nicht zahlten. Für sie sei der Alltag oft schwer zu bewältigen, auch angesichts weiter steigender Lebensmittelpreise. "Sie haben resigniert, werden depressiv oder auch aggressiv", berichtet sie von vielen Gesprächen mit Betroffenen. Das betreffe in der deutschen Gemeinde besonders verwitwete Frauen, die nach ihrer Heirat mit einem Libanesen ihre deutsche Staatsbürgerschaft aufgegeben und damit heute keinen Anspruch auf Sozialhilfe aus Deutschland hätten.
Das große Ungleichgewicht von Arm und Reich sorge für Frustration und Spannungen im Land. Wer über Devisen wie Euro oder Dollar verfüge, könne sich weiter alles leisten. Die soziale Zerrissenheit sei ähnlich wie 1975 vor Beginn des libanesischen Bürgerkriegs, stellt die gebürtige Stuttgarterin fest, die in Beirut aufgewachsen ist.
Um den Menschen wieder Hoffnung und Stabilität zu geben, helfe ihre Ausbildung zur Traumatherapeutin. "Ich will den Menschen Kraft geben für den Alltag, damit sie wieder den Boden unter den Füßen spüren können", sagt Weltzien. In solch traumatischen Situationen helfe es, sich an gute Dinge in der Vergangenheit zu erinnern. Für jeden noch so schrecklichen Alltag gebe es Lösungen und Unterstützung.
So habe die evangelische Gemeinde beispielsweise einen Besuchsdienst eingerichtet und werde ab September außerdem durch eine Sozialarbeiterin unterstützt, erläutert Weltzien, die zudem als Therapeutin mehrmals im Jahr Psychologinnen und Sozialarbeiterinnen aus palästinensischen Flüchtlingslagern im Umgang mit traumatisierten Menschen schult.
Explosion im Hafen von Beirut
Am frühen Abend des 4. August 2020 gab es im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut eine gewaltige Explosion. Rund 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat, das zur Herstellung von Düngemittel oder Sprengstoff verwendet wird, hatten sich entzündet. Die Druckwelle zerstörte die Hafenregion mit einem riesigen Getreidespeicher sowie zahlreiche Wohnhäuser, Krankenhäuser und ein Elektrizitätswerk. Schätzungen zufolge starben mehr als 200 Menschen, mehrere Tausend wurden verletzt. Etwa 300.000 Menschen mussten ihre Häuser verlassen.
Bis heute ist die Katastrophe nicht aufgeklärt. Die Menschen werfen der Regierung Versagen vor bei der Aufarbeitung und weil die hochexplosive Chemikalie jahrelang ohne größere Schutzmaßnahmen im Hafen von Beirut gelagert worden war.
Im Frühjahr hatte ein Londoner Gericht den britischen Chemiekonzern Savaro Ltd. für die Katastrophe mitverantwortlich gemacht. Das Unternehmen, das große Mengen Ammoniumnitrat an den Libanon geliefert hatte, müsse für die Schäden haften, erklärten die Richter. Die Angehörigen der Opfer und weitere Betroffene hoffen jetzt auf eine Entschädigung.