Islamische Seelsorge mit Widersprüchen

Krankenschwestern betreuen in einem Krankenhaus einen Patienten auf einer Intensivstation.

©Patrick Seeger/dpa

Auch in Deutschland wünschen sich muslimische Patienten in Krankenhäusern oder Hospizen immer häufiger einen muslimischen Seelsorger.

Islamische Seelsorge mit Widersprüchen
Muslimische Vereine betätigen sich zunehmend in der Krankenseelsorge. Fachleute kritisieren fehlende Standards und die teilweise Nähe zum Fundamentalismus.

"Die Globalisierung ist in der Seelsorgebewegung angekommen", sagt der Studienleiter am Zentrum Seelsorge und Beratung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Bernd Nagel. Auch in Deutschland fragen muslimische Patienten in Krankenhäusern oder Hospizen nach einem Seelsorger. Islamische Ausbildungsinstitute sprießen aus dem Boden, wie die Seelsorge Akademie Wuppertal, das Mannheimer Institut für Integration und interreligiöse Arbeit e.V. oder das Institut für kultur- und religionssensible Bildung und Beratung (Inkurs) in Offenbach.

Gemeinsam ist ihnen: Sie entwickeln ihre eigenen Kurse, Standards müssen erst noch gefunden werden. "Muslime sollen Muslime ausbilden", sagt Rabia Bechari. Die gelernte Bankkauffrau hat 2011 zur ehrenamtlichen Krankenhausseelsorge umgesattelt und zwei Kurse der Klinischen Seelsorge-Ausbildung (KSA) des evangelischen Zentrums Seelsorge und Beratung besucht. Bechari hat 2017 "Inkurs" in Offenbach mitgegründet und leitet es zusammen mit Inhaber und Geschäftsführer Hamid El Jazouli und Ausbildungsleiter Ahmed Douirani. "Das Institut entwickelt ein Konzept, was muslimische Patienten brauchen", erklärt sie.

Übernahme von Zertifikaten umstritten

Inkurs hat nach Angaben der Leiterin von September 2018 bis April 2019 den ersten Kurs einer "muslimischen Krankenhausseelsorge-Ausbildung (MKSA)" für 30 Teilnehmer abgehalten, ab kommenden September sei ein etwa halb so großer Kurs geplant. Die Bezeichnung lehnt sich an den eingeführten Standard der Klinischen Seelsorge-Ausbildung (KSA) der Kirchen an. Allerdings gebe es bei "Inkurs" keine KSA-Ausbilder, räumt Bechari ein.

Bei "Inkurs" wirkten muslimische Theologen und Psychologen mit und bildeten auch Ausbilder aus, erklärt Bechari. Der MKSA-Kurs übernehme Teile der KSA wie die Gesprächsführung und fordere zu theologischen Fragen islamische Rechtsurteile (Fatwas) von dem "Rat der Imame und Gelehrten" an. Der Rat ist nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtshofs Hessen von 2017 eine Organisation, die der verfassungsfeindlichen Muslimbruderschaft organisatorisch und ideologisch nahesteht. "Die Muslimbruderschaft spielt bei "Inkurs" keine Rolle", widerspricht Bechari.

Fachleute der kirchlichen Seelsorge-Ausbildung sehen die Übernahme der zertifizierten Bezeichnung KSA kritisch. KSA-Ausbilder müssten sich in rund acht Jahre dauernden Fortbildungen einschließlich einer Supervisoren-Ausbildung für ihre Aufgabe qualifizieren, erläutert der Studienleiter und Lehrsupervisor Nagel. Das "Inkurs"-Zertifikat einer "MKSA" nenne sich nach der KSA, erfülle aber nicht deren Standards.

Zentrum Seelsorge beendet Kooperation

"Wird der Spieler zum Trainer ohne Zwischenschritt?", fragt der evangelische Krankenhausseelsorger und KSA-Ausbilder Winfried Hess. Bei "Inkurs" fehlten nicht nur die Ausbildungsstandards, die die Empfehlungen des Frankfurter Rates der Religionen zur "Seelsorge interreligiös" von 2012 aufführten, sondern auch die Qualitätssicherung durch regelmäßige Fortbildung und Supervision. Zudem sei eine Integration in die hauptamtlichen Teams der Einrichtungen nicht erkennbar. "Inkurs" folge den Empfehlungen des Rates der Religionen, verkündet dagegen Bechari.

Das neue Institut bilde Muslime zu ehrenamtlichen Seelsorgern aus, die ihm von den Vereinen Salam und Barmherzige Begleitung in Frankfurt und Offenbach geschickt werden, erläutert Bechari. Die Kurse seien kostenpflichtig. Die Institutsgründerin hat auch "Salam" 2013 mitgegründet und ist Vereinsvorsitzende. "Salam" sei 2014 eine Kooperation mit dem evangelischen Zentrum Seelsorge und Beratung für kostenlose KSA-Kurse eingegangen und habe jene 2018 beendet, berichtet Nagel. Der Studienleiter zeigt sich über die Personalunion der Leitungen von Verein und Institut irritiert: "Wie kann ich gleichzeitig Auftraggeberin und Auftragnehmerin sein?"

Wenn beide Funktionen nicht schlüssig getrennt seien, könne das Zentrum die Kooperation mit "Salam" nicht fortsetzen, sagt Nagel. Das Universitätsklinikum Frankfurt hat mit "Salam" einen Kooperationsvertrag geschlossen. Der Verein habe aktuell bestätigt, dass die Ausbildung von "Inkurs" auf der Ausbildung des Zentrums Seelsorge und Beratung basiere und "die Einhaltung der grundlegenden seelsorgerischen Standards durch "Inkurs" weiterhin gesichert wird", teilt die Pressestelle mit. Mit den Absolventen von "Inkurs" hätten die Krankenhäuser mit anders ausgebildeten Helfern zu tun, wendet Nagel ein.

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"Inkurs" als Aus- und Weiterbildungsinstitut strebe nicht nur die Ausbildung von Helfern im Raum Frankfurt an, erklärt Bechari. Ziel sei die Entwicklung von Standards für alle muslimischen Seelsorge-Vereine. "Wir sind dabei, uns bundesweit zu verbreiten." Außerdem reicht das angestrebte Geschäftsfeld von "Inkurs" nach den Worten von Bechari weit über die Krankenhausseelsorge hinaus. Das Institut mit dem Claim "Seminare Made in Germany" wolle auch Angebote für Eltern, Erzieherinnen, Lehrkräfte und Sozialarbeiter anbieten, für Moscheegemeinden, Know-how zur Gründung und zum Management von Vereinen. Eigene Schulungsräume habe das Institut nicht, es miete Räume an oder halte Seminare in Räumen der Auftraggeber.

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